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Andrei Tarkovsky – Kunst

- Wir brauchen kein Herumgefasel, sondern die Wahrheit (…) Eine dogmatische Sprache aber kann ich nicht sprechen

- Die Kunst hat überhaupt keinen besonderen Sinn außer dem religiösen; in den Grenzen der Ästhetik haben wir es nur mit der Form zu tun. Wenn wir uns von dem religiösen Sinn der Kunst lossagen, entleeren wir sie jeden Sinnes: ihr Los ist es dann, zu verschwinden oder sich in Wissenschaft zu verwandeln; aber die Kunst als Wissenschaft verstanden, wäre die nutzloseste aller Wissenschaften, die je existiert haben oder existieren könnten

- Der Osten war der ewigen Wahrheit stets näher als der Westen. Aber die westliche Zivilisation hat den Osten mit ihren materiellen Lebensansprüchen verschlungen. Man vergleiche nur einmal die östliche und die westliche Musik. Der Westen schreit: Hier, das bin ich! Schaut auf mich! Hört, wie ich zu leiden und zu lieben verstehe! Wie unglücklich und glücklich ich sein kann! Ich!! Ich!!! Ich!!!! Der Osten dagegen sagt kein einziges Wort über sich selbst. Er verliert sich völlig in Gott, in der Natur, in der Zeit. Und er findet sich in all dem selbst wieder! Er vermag alles in sich selbst zu entdecken!

- Hier im Westen beschäftigt die Menschen vor allem die eigene Person. Wenn man ihnen sagt, daß der Sinn ihrer Existenz doch eigentlich im Opfer für andere liege, dann lachen sie vermutlich nur hell auf und nehmen einem das einfach nicht ab. Und ebensowenig glauben sie einem, daß der Mensch nun doch ganz gewiß nicht nur für das Glück geboren ist. Daß es doch schließlich noch erheblich wichtigere Dinge gibt als persönlichen Erfolg und geschäftliche Vorteile. Doch offenbar glaubt hier im Westen niemand mehr an die Unsterblichkeit der Seele …

- Die Kunst der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts hat ihr Geheimnis verloren (. . .) Die sogenannte moderne Kunst ist meist nur eine Fiktion, die von der fälschlichen Annahme ausgeht, daß die Methode zum Sinn und Ziel der Kunst werden könne. Mit der Demonstration dieser Methode – und das ist nichts weiter als grenzenloser Exhibitionismus – befaßt sich die Mehrheit der zeitgenössischen Künstler (…) Für mich ist der Begriff der Avantgarde ohne jeden Sinn

- Ungeistige Kunst trägt die eigene Tragödie bereits in sich. Selbst die Erkenntnis der Ungeistigkeit seiner Zeit fordert vom Künstler eine bestimmte Spiritualität. Denn der wirkliche Künstler steht immer im Dienst der Unsterblichkeit: er versucht, diese Welt und die in ihr lebenden Menschen unsterblich zu machen. Wenn er sich dagegen nicht auf die Suche nach der absoluten Wahrheit begibt, dieses globale ZieI vielmehr gegen Nichtigkeiten eintauscht, dann bleibt er lediglich eine Eintagsfliege

- Es befremdet mich immer wieder, wenn ich höre, daß Menschen die doch keinesfalls gleichgültig ins Filmbild gebrachte Natur nicht einfach genießen, sondern darin nach irgendeinem verborgenen Sinn suchen … Wenn das Kino dem Zuschauer die tatsächliche Welt nahebringt und es ihm ermöglicht, diese in ihrer ganzen Fülle wahrzunehmen, sie gleichsam zu >riechen<, deren Nässe und Trockenheit auf der Haut zu verspüren … dann stellt sich plötzlich heraus, daß der Zuschauer inzwischen längst die Fähigkeit eingebüßt hat, sich diesem Eindruck einfach emotional, in einem unmittelbar ästhetischen Sinne hinzugeben. Stattdessen muß er sich einer ständigen Kontrolle unterwerfen und prüfend nach dem >Warum<, >Weshalb<, >Weswegen< fragen

- Das Symbol ist nur dann ein wirkliches Symbol, wenn es in seiner Bedeutung unerschöpflich und grenzenlos ist. Wenn es eine dunkle, erratische und magische Sprache spricht. Wenn es etwas Unausdeutbares lediglich antippt und suggeriert, etwas, das dem natürlichen Wort inadäquat ist. Das Symbol ist vielgesichtig, vieldeutig und in seiner letzten Tiefe stets dunkel … Wie ein Kristall ist es ein organisches Gebilde … Es ist sogar eine Monade und unterscheidet sich dadurch von der komplexen und gegliederten Struktur einer Allegorie, eines Gleichnisses oder eines Vergleichs … Symbole sind etwas Unaussprechliches. Der Gesamtheit ihres Sinns stehen wir hilflos gegenüber

- Unabdingbare Voraussetzung für die Rezeption eines Kunstwerks ist die Bereitschaft und die Möglichkeit, einem Künstler zu vertrauen, ihm zu glauben. Aber manchmal ist es schwierig, jenen Grad an Unverständnis zu überwinden, der uns von einem rein gefühlsmäßig zu erfassenden poetischen Bild trennt. Ebenso wie beim wahren Glauben an Gott setzt auch dieser Glaube eine besondere seelische Haltung, ein spezielles, rein seelisches Potential voraus

- Wenn ein Künstler ein Bild schafft, dann bezwingt er immer auch sein eigenes Denken, das ein Nichts ist gegenüber einem emotional wahrgenommenen Bild von der Welt, das für ihn eine Offenbarung ist. Denn der Gedanke ist kurzlebig, das Bild aber ist absolut. Daher kann auch von einer Parallele zwischen dem Eindruck, den ein spirituell empfänglicher Mensch von einem Kunstwerk erhält, und einer rein religiösen Erfahrung gesprochen werden. Die Kunst wirkt vor allem auf die Seele des Menschen ein und formt seine geistige Struktur.

- Kunst und Wissenschaft sind also Formen der Weltaneignung, Erkenntnisformen auf dem Wege zur sogenannten absoluten Wahrheit. Doch damit endet auch schon die Gemeinsamkeit dieser beiden Äußerungsformen des menschlichen Geistes, wobei – ich wage es, darauf zu bestehen – Schöpfertum nichts mit Entdecken, sondern mit Erschaffen zu tun hat. Hier, an dieser Stelle, kommt es vor allem auf den prinzipiellen Unterschied zwischen der wissenschaftlichen und der ästhetischen Form des Erkennens an. In der Kunst eignet sich der Mensch die Wirklichkeit durch subjektives Erkennen an. In der Wissenschaft folgt das menschliche Wissen den Stufen einer endlosen Treppe, wobei immer wieder neue Erkenntnisse über die Welt an die Stelle der alten treten. Dies ist also ein stufenförmiger Weg mit einander aufgrund objektiver Detailerkenntnisse folgerichtig aufhebenden Einsichten. Die künstlerische Einsicht und Entdeckung entsteht dagegen als ein neues, einzigartiges Bild der Welt, als eine Hieroglyphe der absoluten Wahrheit. Sie präsentiert sich als eine Offenbarung, als ein jäh aufblitzender, leidenschaftlicher Wunsch des Künstlers nach intuitivem Erfassen sämtlicher Gesetzmäßigkeiten der Welt – ihrer Schönheit und ihrer Häßlichkeit, ihrer Menschlichkeit und ihrer Grausamkeit, ihrer Unendlichkeit und ihrer Begrenztheit. All dies gibt der Künstler in der Erschaffung eines Bildes wieder, das auf eigenständige Weise das Absolute einfängt. Mit Hilfe dieses Bildes wird die Empfindung des Unendlichen festgehalten (…) Man könnte sagen, daß die Kunst ein Symbol dieser Welt ist, die mit jener absoluten geistigen Wahrheit verbunden ist, die eine positivistisch-pragmatische Praxis vor uns verborgen hält.

- Für mich ist eine >geistige Krise< immer ein Zeichen von Gesundheit. Denn meiner Meinung nach bedeutet sie einen Versuch, zu sich selbst zu finden, einen neuen Glauben zu erlangen. In den Zustand einer geistigen Krise gerät jeder, der sich geistigen Problemen stellt. Wie sollte das auch anders sein? Schließlich dürstet die Seele nach Harmonie, während das Leben voller Disharmonien ist. In diesem Widerspruch liegt das Stimulans für Bewegung, zugleich aber auch die Quelle unseres Schmerzes und unserer Hoffnung. Er ist eine Bestätigung unserer geistigen Tiefe, unserer spirituellen Möglichkeiten

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