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Denker, Jurist und Theologe Al-Ghazali

Al-Ghazali (Abu Hamid ibn Muhammed al-Ghazali),
wurde 450 n. H. (1058) geboren und starb mit 55 Jahren im Jahr 505 n. H. (1112).
Er gilt als einer der bedeutendsten Denker des Islams und hat im Laufe seines Lebens nach den Angaben seiner Zeitgenossen an die 100 Bücher und Schriften verfaßt.
Es gibt wohl kaum eine andere muslimische Persönlichkeit, die in ähnlicher Weise wie Imam – Ghazali sowohl in der islamischen als auch in der westlichen Welt bewundert wird.
Von den Muslimen mit dem Beinamen muhyi ad-din (Wiederhersteller des Glaubens) versehen, manchmal sogar als der größte Muslim nach dem Propheten selbst bezeichnet,
wird er von westlichen Wissenschaftlern “der originellste Denker und größte Theologe des Islam” genannt.

Al-Ghazali hat früh seine Eltern verloren und wurde dann von Sufis aufgezogen. Er war äußert gelehrig und intelligent und bekam mit 33 Jahren einen Lehrstuhl für Jura übertragen
(Seldschuken – Bagdat). Seine geistige Beweglichkeit wurde von allen Glaubenssystemen, Philosophien und religiösen Doktrinen herausgefordert, die er begierig studierte und durchdrang, v.a.
um sie auf Haltbarkeit und ihre Wahrheit hin zu prüfen.

Er hatte nicht nur nichts für Autoritätsglaube und Denkverbote übrig, sondern entlarvte das als die Wurzel von Ideologien. Schon damals wies er äußerst klar auf die menschliche Schwäche hin,
aus Unselbständigkeit auf Indoktrination, Gehirnwäsche und Konditionierung hereinzufallen bzw. diese nicht zu durchschauen, wo sie offensichtlich auftreten.

Nachdem Al-Ghazali praktisch alles in seinem Bereich befindliche geistig-philosophisch durchdrungen hatte und die Grenzen der Denkfähigkeit erkannte, überkam ihn eine spirituelle Krise.
Er erkannte unter anderem, daß er bis dahin mit seinem Intellekt glänzen wollte und auf Anerkennung aus war. Infolge der persönlichen Krise erlebte er einen körperlichen Zusammenbruch,
was ihm den letzten, nötigen Anstoß dazu gab, seine gesellschaftlich hohe Stellung aufzugeben und dem Pfad der Sufis mit Entsagung und Meditation zu folgen.
Er wußte von da an, daß der Kern des Sufismus ist, den Menschen zur unerschütterlichen Sicherheit innerer Erkenntnis zu führen.

Al-Ghazali machte in dieser Zeit spirituelle Erfahrungen, von denen er bald darauf wußte, daß sie nur der Beginn sind, statt wie oft fälschlich beschrieben das Ende oder Ergebnis einer spirituellen Entwicklung.
Auch wenn sie nicht selbst die Wahrheit sind, so gehören nach seiner Beschreibung ekstatische Erfahrungen zumindest zum lebendigen Wesen der echten und umfassenden Erfahrung der Wahrheit.

Seine Wirkung war zur damaligen Zeit die eines Verbinders und Versöhners. Da er sich geistig ebenso in der intellektuellen wie in der scholastischen,
theologischen und dogmatisch-religiösen Umgebung bewegte, konnte er diese damals zerstrittenen Bereiche durch seine Texte versöhnen.
Allgemein wird seine Wirkung auch auf das westliche Geistesleben als äußerst bedeutend eingestuft. Mithin wurden Denker wie Roger Bacon, Thomas von Aquin und Blaise Pascal von ihm beeinflußt.

Ebenso wie Rumi die Dichtkunst nur als unbedeutendes Nebenprodukt bezeichnete im Vergleich zur sufischen Wissenschaft, so stand Al-Ghazali zu seinen zahlreichen Büchern und philosophischen Schriften,
die nur ein Abglanz und Ausfluß einer höheren Verständnismöglichkeit waren. Das wichtigste und vordringlichste blieb für ihn immer die Entwicklung eines inneren Bewußtseins im Menschen.

Imam Al-Ghazali hat sich mit vielen Bereichen beschäftigt und Bücher über die verschiedensten Themen geschrieben, so daß es nicht möglich ist, ihn einer bestimmten Kategorie zuzuordnen.
Ihm ist die Einführung der aristotelischen Logik und Syllogistik in die islamische Jurisprudenz und Theologie zu verdanken.
In seiner Philosophie vertrat er gleichwohl einen religiös motivierten Skeptizismus, der die Wahrheiten des Glaubens und
der Offenbarung mit den Mitteln des philosophischen Zweifels gegen den Wahrheitsanspruch der Philosophie verteidigt.

 

AL – GHAZALI’S WERKE:

Autobiographie
al-Munqid min ad-daläl (Der Erretter aus dem Irrtum)

Theologie
al-Iqtisäd fi al-iʿtiqäd (Das zielstrebige Vorgehen im dogmatischen Räsonnieren)
ar-Risäla al-Qudsiyya (Der Brief aus Jerusalem)
Kitäb al-arbaʿin fi usūl ad-din (Vierzig Kapitel über die Prinzipien der Religion)
Mizän al-ʿamal (Das Kriterium des Handelns)
ad-Durra al-fähira fī kasf ʿulüm al-ähira (Die kostbare Perle im Wissen des Jenseits)
Ayyuhä al-walad (O Kind!)
Faysal at-tafriqa bayn al-Islam wa-az-Zandaqa (Das Kriterium der Unterscheidung zwischen Islam und Gottlosigkeit)
Faḍäʾih al-Batiniyya (Streitschrift gegen die Batinijja)
ar-Radd al-gamil ʿalä an-nisärä al-Ingil (Wider die Gottheit Jesu)

Sufismus
Ihyäʾ ʿulüm ad-din (Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften)
Kimiyäʾ as-saʿada (Das Elixier der Glückseligkeit)
Miskät al-anwär (Die Nische der Lichter)
Minhäg al-ʿabidin (Der Pfad der Gottesdiener)

Philosophie
Maqäsid al-faläsifa (Die Absichten der Philosophen), Darstellung der Philosophie von Avicenna
Tahäfut al-faläsifa (Die Inkohärenz der Philosophen)

Recht (Fiqh)
al-Mustasfä fi ʿilm usül al-fiqh (Die essentiellen Dinge der islamischen Rechtswissenschaft)
Ihyäʾ ʿulüm ad-din (Islamische Ethik)

Logik
Miʿyär al-ʿilm (Das Standard-Maß von Wissen)
al-Qistäs al-mustaqim (Das gerechte Ausgleich)
Mihakk al-nazar fi l-mantiq (Touchstone über Beweis und Logik)

 

ZITATE VON AL – GHAZALI:

- Ich möchte wissen, was ein Mensch, der kein Wissen erworben hat, wirklich gewonnen hat. Ich möchte wissen, was ein Mensch, der Wissen erworben hat, nicht gewonnen hätte.

- Wer zum Zorn gereizt wird und nicht zornig wird, der ist ein Esel; wer aber um Versöhnung gebeten wird, und sich nicht versöhnt, der ist ein Teufel.

- Der Leib ist das Königreich des Herzens.

- Der Schlüssel zur Erkenntnis Gottes ist die Selbsterkenntnis.

- Ein Zweifaches ist es, worauf des Herzens Adel beruht: Das Wissen und die Macht.

- In der Natur des Menschen wohnen vier Wesen zusammen: ein Hund, ein Schwein, ein Teufel und ein Engel. Alle Charaktereigenschaften entstehen aus jenen vier Gewaltigen.

- Wisse, dass die Religion aus zwei Teilen besteht: der eine ist, das Verbotene zu unterlassen, und der zweite ist, Gutes zu tun.
Der erste Teil ist aber schwieriger, denn Gutes tun kann jeder. Seine eigenen Gelüste und Neigungen aber zu besiegen, schaffen nur die Wahrhaftigen.

- Wer einen Menschen mit großer Liebe liebt, der liebt auch den, der diesen Menschen lieb hat, und den, der von ihm geliebt wird.

- Geprüft wird die Liebe durch den Wettstreit mit dem eigenen Vorteil.

- Zu Verleumdungen schweigen, das heißt ausliefern und im Stich lassen.

- Hochmütig ist derjenige, der demütigt, wenn er ermahnt, und grob wird, wenn er ermahnt wird.

- Darani sagte: “Wer Gott durch Askese dient, das ist wie ein Atmen in Essig und Senf. Wer Gotteskenntnis hat, das ist wie der Duft von Moschus und Ambra.”

- Die Seele fragte: “Sag, wo bist du Herr, daß ich dich aufsuchen kann?” Und Gott antwortete: “Wenn du anfängst, mich zu suchen, bist du schon zu mir hingelangt.”

- Mose richtete die Frage an Gott: “Herr, von wem kommen Krankheit und Heilung?”
“Von mir.”
“Und was tut dann der Arzt?”
Da antwortete der Herr mit milder Ironie: “Er zieht sein Honorar ein und hält meinen Diener bei gutem Mut, bis ich selber komme, um ihn entweder gesund zu machen oder die Sache anders zu entscheiden.”

- Nur das ist wirklich dein Besitz, was du bei einem Schiffbruch nicht verlieren kannst.

- Ein Mann sagte einmal zu Ibrahim ibn Adham: “Glücklich bist du, der du unverheiratet bist und dich ganz dem Dienste Gottes widmen kannst.” Aber Ibrahim antwortete: “Die Unruhe und Sorge, die du für deine Familie hegst, ist besser als all meine Frömmigkeitsübungen.”

- Der Prophet besitzt eine besondere, das natürliche Maß übersteigende Eigentümlichkeit in seiner kombinierenden Phantasie. Wenn diese die Oberherrschaft gewinnt und erstarkt und von den Sinnen nicht in Anspruch genommen und abgelenkt wird, erschaut sie die wohlbewahrte Schicksalstafel und empfängt die Wesensformen der partikulären Dinge der Zukunft in sich eingeprägt. Den Propheten überkommt dieses Schauen im wachen Zustande, die übrigen Menschen im Schlafe.

- Die seelische Kraft des Handelns erlangt häufig elne solche Intensität, daß sie auf die Naturdinge Einfluß ausübt. – Daher kann die Seele des Propheten durch den bloßen Blick Winde wehen, Regen fallen, Unwetter und Erdbeben heranbrausen lassen, um Völker zu vernichten.

- Dem Kranken schmeckt auch süßes Wasser bitter.

- Die Mensch wiedersetzen sich den Dingen, weil sie sie nicht verstehen.

- Weder bin ich mir bewußt, ein Liebender zu sein, noch weiß ich von Liebe, noch von mir selbst oder dem Geliebten.

- Der Zuträger einer Schmähung ist selbst ein Schmäher. Die Kränkung kommt zuerst von dem Zuträger, dann erst von dem Urheber der Kränkung

- Ihr Männer, begegnet euren Frauen nicht wie wilde Tiere, die über einander herfallen, sondern laßt einen Botschafter zwischen euch vermitteln: Zärtlichkeiten und schöne Worte.

- Du darfst das Geheimnis, das dir der Bruder anvertraute, leugnen, auch wenn du dazu lügen mußt, denn nicht jeden Ortes ist es Pflicht, die Wahrheit zu sagen.

- Weite die Barmherzigkeit des Allerhöchsten und miß nicht die göttlichen Dinge mit den engen offiziellen Massen.

- Das Geständnis der Ohnmacht, Gott in Wahrheit zu erkennen, ist die letzte Erkenntnis der Aufrichtigen.

- Ich wusste mit Gewissheit, dass die Ṣūfī diejenigen sind, die auf dem Wege des erhabenen Gottes voranschreiten, besonders weil ihre Lebensweise die beste aller Lebensweisen,
ihr Weg der richtigste aller Wege und ihre Gesinnung die reinste aller Gesinnungen ist. Ja sogar, wenn man die Vernunft aller Vernünftigen, die Weisheit aller Weisen und das Wissen der Gelehrten,
denen sich die Geheimnisse der Offenbarung erschlossen haben, in sich vereinigte, um auch nur etwas von der Lebensweise und der Gesinnung der Ṣūfī zu verändern und durch etwas Besseres zu ersetzen,
so würde ihnen dieses nicht gelingen. Denn alle ihre Bewegungen und Ruhehaltungen, in ihrem Äußeren wie auch im Inneren, sind der Lichtnische der Prophetie entnommen.
Hinter diesem Lichte der Prophetie gibt es kein anderes Licht auf Erden, von dem Erleuchtung erlangt werden kann.

 

ADIMLAR Europa

 

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