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Dichter Tolstoi und Islam

Ein Meister aus Russland

„Muhammad stand immer höher als das Christentum. Er betrachtete Gott nicht als menschliches Wesen und stellt sich niemals auf die gleiche Stufe wie Gott. Muslims beten nichts an außer Gott und Muhammad ist Sein Gesandter. Hier gibt es kein Mysterium und kein Geheimnis. (…) Für mich ist offenkundig, dass Islam (…) höherwertig ist.“ (Aus den Erinnerungen von Tolstois slowenischem Arzt Duschan P. Makowitski)

Entgegen der landläufigen ­Mei­nung, die durch das zeitgenössische populistische Gerede von einem ausschließlich „jüdisch-christlichen Erbe“ täglich wiederholt wird, gibt es unzählige Anknüpfungspunkte zwischen „Europa“ und „dem Islam“. Einer davon ist zweifelsohne die Beschäftigung großer europäischer Geister wie Dante, Shakespeare, Goethe, Rilke und anderen mit dem islamischen Erbe. Ein Blick in ihre Werke belegt ein Interesse an dieser heute verkannten Religion und jener Weltkulturen, die sie hervorbrachte.

Eine der großen, für sich stehenden Persönlichkeiten Europas war der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, der in seiner Zeit eine starke Anziehung auf viele Menschen ausübte. Neben Werken wie „Krieg und Frieden“, „Die Kreutzersonate“, „Anna Karenina“ und „Hadschi Murat“ waren es auch seine Lebensweise und Welthaltung, die ihn zu einer vorbildhaften Gestalt machten. Für den deutschsprachigen Dichter Rainer Maria Rilke, nach Ansicht mancher der größte des letzten Jahrhunderts, war Tolstoi die Verkörperung des Russen schlechthin. Auf ­seiner zweiten Reise nach Russland ­besuchte Rilke den russischen Dichter auf seinem Landgut. Eine Begegnung, die bei dem damals jungen Rilke einen bleibenden Eindruck hinterließ.

Im Vorwort des englischen Buches „The last day of Leo Tolstoy“ von Wladimir Tschertkow schrieb dessen Herausgeber: „Beinahe ein Jahrhundert nach seinem Tod bleibt Leo Tolstoi ein Gigant in der Welt der Literatur. Zur gleichen Zeit kann die Wirkung seiner ‘spirituellen Mission’ nicht bemessen werden.“ Tolstois Text „Eine Beichte“, die in den letzten Jahrzehnten des vorletzten Jahrhunderts geschrieben wurde, konnte auf keine massenhafte Breitenwirkung in einer Welt zählen, in der Materialismus als der einzige glaubwürdige Weg anerkannt wurde, Wissen zu erlangen. Das Denken in spirituellen Dimensionen wurde als ein Versuch missverstanden, der nur zu Irrationalität und unwissenschaftlichem Denken führte.

Bereits in jungen Jahren war er skeptisch über das, was ihm in der Schule als orthodoxes Christentum beigebracht wurde. Die Bekreuzigung und der Kniefall in den Gebeten waren für ihn ­bedeutungslose Handlungen, zu denen er keine Bindung mehr aufbauen konnte. Er teilte mit anderen den Eindruck, dass religiöse Personen als „geistig schwache, grausame und unmoralische Menschen“ betrachtet wurden, die sich selbst wichtig nahmen. „Die Erkenntnis durch die Vernunft, wie sie die ­Gelehrten und Weisen vertreten, leugnet den Sinn des Lebens. Die ungeheuren Massen der Menschen aber, die gesamte Menschheit erkennt diesen Sinn an in einer nicht auf Vernunft gegründeten Erkenntnis. Und diese nicht auf Vernunft gegründete Erkenntnis ist der Glaube, eben der Glaube, den ich durchaus ablehnen musste. Es ist der Glaube an den einigen und dreieinigen Gott, an die Erschaffung der Welt in sechs Tagen, an Teufel und Engel und all das, was ich nicht anerkennen kann, solange ich nicht meinen Verstand ­verloren habe“, schrieb Leo Tolstoi in dem Text. Trotzdem räumte er ein, dass er damals an etwas glaubte, auch wenn er nicht in der Lage war, das zu beschreiben.

1851 ging Tolstoi in den Kaukasus. Eine Reise, die tiefe Spuren bei ihm hinterließ. Er schloss sich einem Artillerieregiment an und wurde Student an einer Militärakademie. 1853 musste er gegen die Osmanen kämpfen und 1854 wurde er der Krimarmee überstellt und an die Front abkommandiert. 1856 verließ Tolstoi den Militärdienst. In „Hadschi Murat“ schrieb Tolstoi über die Lebensweise im Kaukasus und in „Sewastopol“ (1855) über seine Erlebnisse des Krimkrieges.

Zwei Ereignisse beeindruckten den jüngeren Schriftsteller aufs Tiefste. Bei einem Besuch in Paris beobachtete er die Hinrichtung eines jungen Mannes. Ein Anblick, der ihm die „Verletzlichkeit meines Aberglaubens in den Fortschritt“ vor Augen führte. Das zweite war der Tod seines Bruders, ohne dass er verstehen konnte, warum dieser gelebt hatte oder noch weniger, warum er gestorben sei.

Tolstoi, der viel zur Literatur seiner Heimat und ihrer Geschichte beigetragen hatte, wurde vor allem als Autor bekannt. Seine philosophischen Ansichten und Arbeiten über Gott, die Seele, Wissen, Liebe und den Sinn des Lebens sind heute weniger bekannt. Und dies, obwohl es zu seinen Lebzeiten (und vor der kulturellen Auslöschung durch den Bolschewismus) sogar eine Gruppe von Leuten gab, die sich – gegen seinen Willen – in der Bewegung des Tolstojanismus versammelte. Die anhaltende Suche nach dem Sinn des Lebens und moralischen Vorstellungen, aber auch seine spirituelle und soziale Zeitkritik durchzog alle seine Werke.

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Nach den 1870er Jahren wandte er sich mehr und mehr Fragen nach Tod, Sünde, Reue und moralischer Wiederbelebung zu. Nach Ansicht der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. ­Elfine Sibghatullina soll der Dichter auch in direkten Kontakt mit tatarischen Muslimen gekommen sein, die eines Zweiges der Naqschibandi-Tariqat angehörten. Laut Sibghatullina sei deren Leiter Bahauddin Waisow mit Tolstoi zusammengekommen. Später ­wurde Waisow wegen eines kritischen Briefes an den Zaren verhaftet und ­verbannt.

Für viele Russen seiner Zeit – aber nicht für alle – blieb Tolstois Denken in vielen Fällen unverstanden. Er wurde exkommuniziert und viele seiner Freunde wandten sich von ihm ab.

Leo Tolstoi starb im Jahre 1910, im Alter von 81 Jahren.

Neben der eindrücklichen Schilderung eines Wanderderwisch in seinem Werk „Krieg und Frieden“ und dem Kaukasus-Drama „Hadschi Murat“ verfasste der große Russe eine Sammlung von Gedanken über den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, die auf einer Sammlung prophetischer Aussagen des indisch-muslimischen Gelehrten As-Suhrawardi (1908 als Überset­zung in London veröffentlicht) basierte. Lange Zeit war diese Schrift nur ­einigen Interessierten bekannt. Im Internet liegt das Dokument unter dem Titel „The Hidden Book“ auf Englisch vor. Dessen Herausgeber Rasih Yilmaz und Faruk Yilmaz haben Aussagen, Notizen und einige Briefe Tolstois zum Thema kommentiert zusammengefasst.

Die Absicht der Zusammenstellung, so das Vorwort, sei gewesen, jenen Aspekt mit anderen zu teilen und den Text als ein Zeichen von Tolstois Bewunderung für den Islam zu betrachten. Es liege nicht in ihrem Interesse, Behauptungen aufzustellen, die auf nichtexistenten Dokumenten beruhten. Für sie hätten folgende Worte Tolstois einen hohen Wert: „Hätte der Mensch das wahrhafte Recht der freien Wahl, dann würde jeder Christ und jeder Mensch mit einem Bewusstsein den Mohammedanismus akzeptieren: ein Gott und Sein Gesandter ohne Zweifel und Verdacht.“

Zweifelsohne sei die Arbeit von Tolstoi über den Propheten Muhammad kein geringes Ereignis im zaristischen Russland gewesen. An die Russin Y. Welikova, Ehefrau eines aserbaid­schanisch-türkischen Generals im Dienste des Zaren, deren Sohn darüber nachdachte, den Islam anzunehmen, gab Tolstoi den folgenden Rat: „Soweit es die Bevorzugung des Mohammedanismus über die Orthodoxie betrifft (…) so kann ich voll mit einer Konversion sympathisieren. (…) Ich bezweifle nicht, dass der Islam in seiner äußeren Form über der orthodoxen Kirche steht. (…) und jeder wird den Islam mit seiner Anerkennung eines Pfeilers, einem Gott und Seines Propheten, bevorzugen anstatt solcher komplexer und unverständlicher Dinge in der Theologie (…)“

Tolstois Abhandlung über den Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, wurde 1909 vom Poresdnik Verlag (unter dem Titel „Die Sprüche von Muhammad, die nicht im Qur’an enthalten sind“) veröffentlicht. Mit dieser Arbeit machte er russische Leser vertraut mit Überlieferungen des Propheten.

Im kommunistischen Russland war eine Veröffentlichung nicht möglich. Insbesondere in den ersten Jahrzehnten des erzwungenen Atheismus wurden religiöse Menschen massiven Verfolgungen unterworfen. 1978 wurde die Veröffentlichung der Abhandlung in Aserbaidschan nach anfänglicher Zen­sur erlaubt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Unterdrückung von Religion wurde sie 1990 wieder auf Russisch veröffentlicht.

Es sei unmöglich, so die Herausgeber der Abhandlung, zu glauben, dass die Worte und Handlungen des Propheten, seine Duldsamkeit, seine Moralität, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und viele andere universale Werte geistig gesunde Menschen, wie Tolstoi es ausdrückte, nicht anziehen konnte. Tolstoi, wie andere ehrliche Menschen auch, konnte die Feinheit des prophetischen Charakters erkennen und sprach sie aus.

Aus einem anderen Brief wird deutlich, welche Weltanschauung aus Tolstois lebenslanger schmerzhafter Suche nach der Wahrheit erwuchs: „Ich wäre sehr froh, wenn Sie meinen Glauben teilen würden. Versuchen Sie zu verstehen, was mein Leben ist. Ein jeglicher Erfolg im Leben – Reichtum, Ehre, Ruhm; diese habe ich nicht. Meine Freunde, sogar meine Familie wenden sich von mir ab. Einige – Liberale und Ästheten – betrachten mich als wahnsinnig oder geistesschwach wie Gogol. Andere – Revolutionäre und Radikale – sehen in mir einen Mystiker und Mann, der zu viel redet. Die Offiziellen halten mich für einen bösartigen Revolutionär und die Orthodoxen betrachten mich als einen Teufel. Ich gestehe Ihnen, dass dies hart für mich ist (…) Und daher, betrachten Sie mich bitte als einen freundlichen Mohammedaner; und alles wird gut werden.“

Sulaiman Wilms

Zitat: Islamische Zeitung

One comment

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