seldschuken-türken-die-eroberer-anatoliens-adimlar

Seldschuken Türken – Die Eroberer Anatoliens

Türkisches Herrschergeschlecht des 11./13. Jahrhunderts, das unter Seldschuk um 1000 zum Islam übertrat. Die Seldschuken eroberten Mittelasien, Iran, stürzten 1037 das GHASNAWIDEN-Reich, nahmen 1055 unter Toghril-Beg Bagdad. Alp Arslan besiegte am 19.8.1071 die Byzantiner bei Mantzikert, Malik Schah I. eroberte Jerusalem 1070 und 1076/77. Im 12. Jahrhundert zerfiel das ökonomisch uneinheitliche Staatsgebilde in Feudalstaaten, deren letzter das Sultanat von Rum (Konia-Konya), um 1330 türkischen Emiraten weichen mußte.

Politisch war die islamische Welt des 11. Jahrhunderts, bisher eine Domäne der Araber, bestimmt dirch das Eindringen der Türken aus Mittelasien. Die Türken waren ursprünglich schamanistischen Glaubens, bekehrten sich im Laufe des 10. Jahrhundert jedoch zum sunnitischen Islam. Sie retteten den Islam insofern, als sie den kriegerischen Geist der Nomadenvölker mit sich brachten, gerade als die politische Stoßkraft der Araber erloschen war. Besonders wichtig wurden die Seldschuken, ein türkischer Stamm, dessen Herrscher innerhalb wenig mehr als eines halben Jahrhunderts ein riesiges Reich aufbauten, das sich von Horasan über den Iran bis an den Kaukasus, westlich und südlich über das untere und obere Mesopotamien nach Syrien, Palästina und bis in den Hidschaz, die Geburtsstätte des Islams, erstreckte. Die rechtgläubigen Kalifen, von der bisherigen schiitischen Vorherrschaft der persischen BUYIDEN befreit, waren nur Werkzeuge in der Hand der Seldschuken-Sultane.
Nach dem Tode Malik Schahs (1092) zerfiel das großseldschukische Reich. In Syrien führte der Tod Malik Schahs allerdings zu ernsten Auflösungserscheinungen, die über ein Jahrzehnt andauerten. Am Ende der Entwicklung stand ein System von seldschukischen Emiraten in Vorderasien, deren politische Beziehungen zu einander so fein ausbalanciert waren, dass auch geringfügige Veränderungen an den politischen Gewichten einen Umbau des Systems nötig machten. Daraus erklärt sich der sehr komplizierte und unaufhörliche Wechsel der syrischen Allianzen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in den die neu erstandenen Kreuzfahrerstaaten sofort als ein zusätzliches Element der levantinischen Politik mit einbezogen wurden.

Mayer, Hans Eberhard: Seite 10

Allegemeines:
Die türkische Dynastie der SELDSCHUKEN stammte aus Mittelasien und wurde benannt nach ihrem Heros eponymos, Selguq, einer halblegendären Gestalt, die gewöhnlich auf das späte 10. Jh. datiert wird. Selguq gehörte offenbar dem Oghusenstamm (Oguz) der Qinik an, war von Geburt ‘Heide’, trat aber unter dem Einfluß der muslimischen Bevölkerung der Marktstadt Gand (nahe der Einmündung des Syr-Darja in den Aralsee) zum Islam über. Nach dem Gelehrten al-Kasgari (um 1075) sei Selguq ein erfolgreicher militärischer Anführer gewesen (er bezeichnet ihn als Subasi), der seine Waffengefährten aus den Leuten seines Stammes rekrutiert und sich militärisch an den Konflikten der mittelasiatischen Staaten beteiligt habe.
Nach Selguqs Tod begann die große Wanderung der Oghusen, unter lebhafter Beteiligung beschäftigungslos gewordener Militärs aus den großen Indienfeldzügen des Sultans von Gazna, Mahmud. Riesige Gruppen von Nomaden zogen nach Westen. Selguqs Nachkommen errichteten unter Ausnutzung dieser Situation ihre Herrschaft in Choresmien und eroberten bald Persien. Selguqs Enkel Tugrul, der den türkischen Titel ‘Beg’ führte, zog auf Einladung des ABBASIDEN-Kalifen nach Bagdad, machte der Herrschaft der BUYIDEN ein Ende und etablierte sich dort als Sultan (1055); die alte Kalifenmetropole wurde zur Hauptstadt des großselguqischen Staates.
Tugruls Nachfolger Alp Arslan (1063-1072) konsolidierte seine Macht über Persien und Turkestan; er unternahm eine Reihe von Feldzügen gegen die christlichen Staaten Armenien und Georgien sowie vor alem gegen das Byzantinische Reich, das er bei Mantzikert entscheidend besiegte (1071). Er fiel 1072 auf einem Kriegszug in Mittelasien und hinterließ ein von Choresmien bis zur byzantinischen Ostgrenze reichendes Staatswesen. Blieb die kulturelle Bedeutung des SELDSCHUKEN-Reiches unter Alp Arslan eher gering, so setzte unter seinem Sohn Maliksah (1072-1092) eine umfassende Förderung von Literatur, Gelehrsamkeit und Naturwissenschaft ein. In den meisten großen Städten des Reiches wurden Medresen (Madrasa) gegründet, insbesondere durch den einflußreichen Staatsmann Nizamalmulk, der 1065-1092 als Wesir fungierte. Maliksah ließ in Bagdad große Bauten (Moschee, Regierungspaläste) errichten (charakteristischer Dekorationsstil des muslimischen Ostens: muqarnas). In religiöser Hinsicht waren die SELDSCHUKEN Vorkämpfer der islamischen Orthodoxie (Sunniten) gegen häretische, zumeist den Schiiten nahestehende Strömungen.
Der großselguqische Staat erreichte seinen Zenit nach 1089, als die Herrscher von Khotan und Kasgar Vasallen von Maliksah wurden, das Reich im Osten an das von China beherrschte Gebiet angrenzte. Nach dem Tode von Maliksah fiel das Reich inneren Auseinandersetzungen anheim, die mit dem Erscheinen der Kreuzfahrer (Kreuzzüge) in Syrien koinzidierten. Die Bagdader SELDSCHUKEN, die in der Regel sehr jung den Thron bestiegen, regierten zumeist nur nominell, während die reale Regierungsgewalt in der Hand ihrer Vormünder (Atabeg) lag; ein Wiedererstarken des Kalifats von Bagdad führte in der 2. Hälfte des 12. Jh. zur Verlegung der Sultansresidenz nach Hamadan. Die Dynastie endete 1194, als Tugrul II. in einer Schlacht gegen den Chorezmsah fiel.
Im 12. Jh. herrschte ein anderer Zweig der SELDSCHUKEN in Kirman (Iran), einer Region, die während der oghusischen Wanderung erobert worden war, seit der Regierung Tugruls I. aber Autonomie genoß. Diese Dynastie zerfiel nach einer Invasion der Oghusenstämme.

Rumselguqen:
Der berühmteste Seitenzweig der SELDSCHUKEN war die Sultans-Dynastie von Rum (‘Romania’: byzantinisch Bereich, Kleinasien), die ihre Herrschaft bald nach dem Sieg von Mantzikert, unter Ausnutzung der dynastischen. Streitigkeiten im Byzantinischen Reich, errichtete. Die Zentralregierung in Bagdad betraute mit der Organisation der neueroberten Territorien den Militärbefehlshaber Sulaiman, Abkömmling einer alten Militärfamilie, die zunächst im Dienste Mahmuds, des Sultans von Gazna, dann Sultan Tugruls I. gestanden hatte. Sulaiman machte Nikaia zu seiner Residenz, fand aber im Kampf mit konkurrierenden türkischen Machthabern den Tod (um 1085). Die aus Nikaia und den Küstengebieten Kleinasiens von den Kreuzfahrern (1094) vertriebenen Rum-SELDSCHUKEN verlegten ihre Hauptstadt in das inneranatolische Konya (Ikonion). Im 12. Jh. standen sie mit dem konkurrierenden anatolischen Staat der DANISMENDIDEN im Konflikt. Das Byzantinische Reich versuchte, diese Rivalität für eine Rückeroberung Anatoliens auszunutzen, wurde aber bei Myriokephalon (1176) von der Armee des Sultans Qilic Arslan II. geschlagen. Am Ende des 12. Jh. hatten die SELDSCHUKEN das gesamte muslimische Kleinasien unter ihrer Herrschaft vereinigt. Die zahlreich nach Anatolien eingewanderten Perser stellten die höhere Beamtenschaft; Persisch war offizielle Sprache. Doch auch die ansässige christliche Bevölkerung beeinflußte mit ihren alten religiösen und kulturellen Traditionen die Eroberer in vielerlei Hinsicht. Nomaden aus Mittelasien, die nur oberflächlich islamisiert waren, hatten wesentlichen Anteil an der Bevölkerung (zahlreiche nach Turkstämmen benannte Toponyme: Dörfer, Flüsse, Täler, Hügel).
Nach 1204 vollzog sich ein Annäherungsprozeß zwischen SELDSCHUKEN und Byzantinern: Die SELDSCHUEKN sahen im byzantinischen Kaiser von Nikaia einen vorteilhaften Pufferstaat gegenüber dem Lateinischen Kaiserreich von Konstantinopel; die Byzantiner benötigten zur Rückeroberung Konstantinopels ihrerseits eine friedliche Ostgrenze. In den ersten Jahrzehnten des 13. Jh. erfreute sich der Staat der SELDSCHUKEN eines bemerkenswerten Wohlstandes, bedingt durch blühenden Handel über die von den SELDSCHUKEN kontrollierten Häfen Antalya am Mittelmeer und Sinop am Schwarzen Meer und die wirtschaftlichen Beziehungen zum Königreich Zypern und zu Venedig. Mehrere Handelsstädte des Binnenlandes wurden mit großen Karawansereien (Hanen) ausgestattet. Auch andere öffentliche Monumentalbauten (Moscheen, Bäder, Hospitäler und Stiftungen) sowie die Medresen in Kayseri und Sivas bezeugen hohen kulturellen Standard. Am Hofe der SELDSCHUKEN wirkten bedeutende Gelehrte und Dichter.
Infolge einer neuen turkmenischen Wanderung, ausgelöst durch zunehmenden mongolischen Druck, kam es im 13. Jh. jedoch zu wachsender Instabilität. Nach dem Sieg der Mongolen bei Köse-dag (1243) wurden die Nachkommen der SELDSCHUKEN-Dynastie zu tributpflichtigen Vasallen der Ilchane degradiert. Kleinasien erlebte eine Periode der Turbulenzen, in deren Verlauf das Sultanat von Rum um 1308 unter ungeklärten Umständen zusammenbrach.

Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 1730

Türkische Fürsten-Dynastie vom 11. bis Anfang 14. Jh. aus dem Volk der Oghusen, das sich um 1000 dem Fürsten Seldschük östlich vom Aralsee unterstellte und zum sunnitischen Islam überging. Die SELDSCHUKEN stießen um 1030 nach Khorasan vor und verdrängten seit 1040 die GHASNAWIDEN und BUJIDEN aus weiten Teilen Irans. 1055 übernahmen sie die Schutzherrschaft über die abbasidischen Kalifen von Bagdad; etwa gleichzeitig wurde ihnen Irak und teilweise Syrien (mit Jerusalem 1076) untertan, das sie bis Anfang des 12. Jh. an die Kreuzfahrer und SENGIDEN verloren. Alp Arslan (1083-1072) schaltete 1071 die byzantinische Macht im östlichen und mittleren Kleinasien aus, das seither einer Zweiglinie des Hauses (den Rum-SELDSCHUKEN) unterstand. Im Iran und Irak folgten 1072-1092 Melikschah, der zusammen mit seinem Minister Nisam al Mulk die sunnitische Orthodoxie kräftigte und die Ismailiten in die Schranken verwies. In diese Zeit fällt der Höhepunkt der eigenständigen seldschukischen Kultur (besonders auf religiös-philosophischem Gebiet, in der Dichtung und auf dem Gebiet der Architektur). Seit Beginn des 12. Jh. zerfiel die seldschukische Macht in diesem Raume durch zahlreiche Kämpfe zwischen einzelnen Prinzen. Die Zweiglinie der Rum-SELDSCHUKEN mit den Mittelpunkten Kayseri und Konya behauptete das mittlere Kleinasien gegen andere türkische Machthaber sowie gegen die Kreuzfahrer und die Armenier (in Kilikien). Sie bereiteten ihre Macht im 12. Jh. weiter aus und fanden (besonders im Süden) Anschluß an den Mitelmeer-Handel. Unter der Regierung von Kylydsch-Arslan II. (1156-1192), Kai Kawus I. (1210-1219) und Sultan Kai Kobad I. (1219-1236) iranisierte sich die Dynastie (wie die Linie im Iran) und führte das Land zu hoher kultureller Blüte, von der noch heute viele Bauten zeugen Griechsische Sprache und Orthodoxie verschwanden. 1243 geriet die Dynastie unter die Herrschaft der Ilchane in Persien ud ging um 1317 unter. Nach einer Zeit vieler türkischer Kleinfürstentümer traten letztlich die Osmanen ihr Erbe an.

BERTELSMANN Lexikon Geschichte: Seite 694

DAS GROSSELDSCHUKISCHE SULTANAT

Toghril-Beg  Enkel von Seldschuk 1038-1063
Alp Arslan Neffe 1063-1072
Malik Schah I. Sohn 1072-1092
Mahmud I. Sohn 1092-1094
Barkyrauq Bruder 1094-1104
Malik Schah II.  Sohn; abgesetzt 1104-1105
Muhammad I. Sohn Malik Schahs I. 1105-1118
Sangar Bruder; herrscht über Chorasan 1118-1157

IRAK UND DAS WESTLICHE PERSIEN

Mahmud II. Sohn Muhammads I. 1118-1131
Toghril II. Bruder 1131-1134
Ma’sud Bruder 1134-1152
Malik Schah III. Sohn Mahmuds II. 1152-1153
Muhammad II. Bruder 1153-1159
Suleiman Sohn Muhammads II. 1161-1160
Arslan Sohn Toghrils II. 1160-1175
Toghril III. Sohn 1175-1194

REICH DER RUM-SELDSCHUKEN IN KLEINASIEN MIT DEM ZENTRUM KONYA

Suleiman I. 1078-1086
Kilidsch Arslan I. 1092-1107
Malik Schah 1107-1116
Masud I. 1116-1156
Kilidsch Arslan II. 1156-1192
Kaikosru I. 1192-1196
Suleiman II. 1196-1204
Kilidsch Arslan III. 1204
Kaikosru I. 1204-1210
Kaikaus I. 1210-1220
Kaikubad I. 1220-1237
Kaikosru II. 1237-1245
Kaikaus II. 1246-1257
Kilidsch Arslan IV. 1248-1265
Kaikubad II. 1249-1257
Kaikosru III. 1265-1282
Masud II. 1282-1304
Kaikubad III. 1284-1307
Masud III. 1307-1308

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>